Der LEO ist kein leerer Raum mehr
Wenn Astronomen heute ein Langzeitbelichtungsfoto machen, müssen sie damit rechnen, dass ein Dutzend helle Streifen durch das Bild ziehen. Satelliten. Nicht einzelne — Konstellationen. Starlink allein hat über 6.000 Einheiten im Betrieb. OneWeb nähert sich der Tausend-Marke. Amazon Kuiper baut auf.
Der niedrige Erdorbit, also der Bereich zwischen 160 und etwa 2.000 Kilometern Höhe, war lange ein ruhiges Niemandsland mit ein paar hundert Satelliten. Heute ist es das Äquivalent einer überfüllten Ringstraße — und die Ausfahrten fehlen.
Was ist eigentlich LEO?
LEO (Low Earth Orbit) bezeichnet Umlaufbahnen bis etwa 2.000 km Höhe. Umlaufzeiten liegen zwischen 90 und 130 Minuten. Die ISS fliegt auf etwa 412 km, die meisten Starlink-Satelliten auf rund 550 km.
Weiter oben beginnt das Van-Allen-Gürtel-Territorium: Strahlungsgürtel, die Elektronik schädigen und bemannte Missionen riskant machen. LEO ist deshalb der bevorzugte Arbeitsbereich — erschwinglich zu erreichen, erträglich für Elektronik, nah genug für niedrige Latenz.
9.000 aktive Satelliten — und mehr kommen
Laut Weltraumüberwachungsdiensten der ESA und USSPACECOM gab es Ende 2025 knapp 9.200 aktive Satelliten auf Erdumlaufbahn. Hinzu kommen über 30.000 katalogisierte Trümmer — alte Satelliten, Raketenstufen, Kollisionsfragmente.
Der Sprung ist dramatisch: 2019 waren es noch rund 2.000 aktive Objekte. Der Anstieg geht fast ausschließlich auf Megakonstellationen zurück.
Die Erde sieht aus dem All wunderschön aus. Aber die Schicht um sie herum — die LEO-Zone — fängt an, einem Schrottplatz zu ähneln.
Astronomie unter Beschuss
Für bodengebundene Astronomen ist die Entwicklung ein Albtraum. Teleskope wie das Vera-Rubin-Observatorium in Chile, das ab 2026 systematisch den Himmel durchkämmt, rechnen mit Tausenden von Satelliten-Artefakten pro Nacht.
Algorithmen können Streifen herausrechnen — aber das kostet Rechenzeit und Qualität. Besonders kritisch: kurze Beobachtungsfenster für Asteroiden-Warnsysteme, wo ein Fehlalarm (oder ein verpasster Treffer) fatale Folgen haben kann.
Kettenreaktionen — das Kessler-Szenario
Der Physiker Donald Kessler beschrieb 1978 ein Szenario, das sich selbst beschleunigt: Eine Kollision erzeugt Trümmer, Trümmer verursachen neue Kollisionen, die Trümmerdichte steigt exponentiell — bis der Orbit unbenutzbar wird.
Wir sind noch weit davon entfernt. Aber die Sicherheitsmarge schrumpft. 2021 musste die ISS dreimal ausweichen, um Trümmern auszuweichen. Chinas Zerstörung eines eigenen Satelliten 2007 erzeugte über 3.000 katalogisierte Fragmente, von denen viele noch jahrelang im Orbit bleiben.
Was wird dagegen getan?
Wenig, aber es gibt Bewegung. Die ESA-Mission ClearSpace-1 soll 2026 testweise einen ausgedienten Satelliten einfangen und deorbiten. SpaceX ist verpflichtet, Starlink-Satelliten innerhalb von fünf Jahren zu deorbiten — was technisch möglich ist, da alle Einheiten ionische Triebwerke haben.
Internationale Regulierung hinkt hinterher. Das Outer Space Treaty von 1967 schweigt zu Megakonstellationen. Nationale Weltraumbehörden regulieren ihr eigenes Terrain — aber der Orbit gehört niemandem.
Fazit
Der niedrige Erdorbit ist zu einer kritischen Infrastruktur geworden — für Kommunikation, Navigation, Wetterüberwachung. Gleichzeitig ist er zunehmend verstopft. Die nächsten Jahre entscheiden, ob wir das Problem in den Griff bekommen, bevor es uns in den Griff bekommt.
Für Astronomen bleibt es ein wachsendes Ärgernis. Für zukünftige Generationen könnte es eine echte Barriere werden.